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Die Gülen-Bewegung im Kontext Europas

Veranstalter dieser Konferenz waren die Vereinigung „Interkultureller Dialog e.V. Köln“ (ikult.com), das Rumi-Forum am Rhein, sowie das „Interkulturelle Dialogzentrum e.V. Dortmund“ (idiz e.V.). Die Konferenz wurde im Tagungszentrum der Ruhr-Universität Bochum veranstaltet. Sie wurde an beiden Tagen von mehr als 300 Teilnehmenden besucht.

Auf vier Panels sowie in vier Workshops mit insgesamt fast zwanzig Referenten und Referentinnen wurde der Beitrag der Gülen-Bewegung zur sozialen, ökonomischen und religiösen Entwicklungen in Europa im Kontext einer sich global versetzenden Welt diskutiert. Während die Panels den Referenten die Gelegenheit boten, dem Plenum in etwa 20-minütigen Kurzvorträgen thematische Zusammenhänge vorzustellen, eröffneten die Workshops Raum für Diskussionen und auch Kontroversen in kleineren Gruppen.

Die Konferenz verstand sich als ein Versuch, die weltweit verbreitete Gülen-Bewegung hinsichtlich ihres Beitrags für die verschiedenen Ebenen des Dialogs in Nordrhein-Westfalen in den Blick zu nehmen. Zu diesen Ebenen zählen die Begegnungen von Christen und Muslimen, die Gespräche zwischen Bürgern und Bürgerinnen mit und ohne Migrationshintergrund und der Dialog zwischen Angehörigen unterschiedlicher gesellschaftlicher Schichten.

Leitend war die Frage, ob die Impulse der Gülen-Bewegung ein tragfähiges Fundament bereitstellen können, ein gedeihliches Miteinander unterschiedlicher Gruppen für das aktuelle Zusammenleben und für die Bewältigung künftiger Aufgaben bereit zu stellen. Vor dem Hintergrund dieser Zielsetzung behandelten die vier Panels folgende Themen:

  1. Strukturelle und spirituelle Dimensionen der Gülen-Bewegung
  2. Die Gülen-Bewegung aus Sicht der Religionswissenschaft
  3. Die Bildungsarbeit der Gülen-Bewegung als ein Beitrag zur Integration
  4. Die sozio-kulturellen Impulse der Gülen-Bewegung

War der erste Tag der Konferenz eher dem Verständnis der Person von Fettullah Gülen gewidmet, so nahm der zweite Tag vor allem das Verhältnis der Gülen-Bewegung zur säkularen und globalisierten Gesellschaft in den Blick.

Aus der Vielfalt der angesprochenen Themen und Aspekte können hier nur einige Beispiele herausgehoben werden. So wies Prof. Bülent Ucar von der Universität Osnabrück gleich zu Beginn der Konferenz darauf hin, dass Fettullah Gülens nur schwer in den Spannungsbogen von Konservativismus und Liberalismus eingeordnet werden könne. Dies erschwere es der europäischen Mehrheitsgesellschaft, seine Person und die sich auf ihn berufende Bewegung in bestehende Positionen einzuordnen.

Prof. Dr. Ina Wund von der Universität Bielefeld betonte Fettullah Gülens religiösen Anspruch. Weil Gülen seinen religiösen Anspruch unabhängig von allen politischen Ambitionen vertrete, entzieht er sich dem verbreiteten Klischee eines „politischen Islam“. Niemand kann sich auf Gülen berufen, um anders Denkende zu unterdrücken oder gar zu verfolgen.

Perspektivenreich erwies sich in diesem Zusammenhang die von Ercan Karakoyun angestoßene Diskussion, ob und in welchen Sinne Fettullah Gülen als ein „Intellektueller“ bezeichnet werden könne. Oder wäre es nicht vielmehr treffender, ihn einen Prediger, Gelehrten und Bildungsaktivisten zu nennen? Der Erfurter Neutestamentler Christoph Bultmann jedenfalls unterstrich die engen Beziehungen zwischen der sufischen Tradition des Islam und der Spiritualität Fettullah Gülens.

Besondere Aufmerksamkeit erfuhren auch Gülens Koranhermeneutik sowie die Frage nach seinem Menschenbild. Dr. Reinhard Kirste zufolge, dem Koordinator einer interreligiösen Arbeitsstelle, stehen Christen und Muslime vor der gemeinsamen Aufgabe, eine ihren grundlegenden heiligen Texten angemessenen Texthermeneutik zu entwickeln.

Prof. Dr. Bilal Sambur verdeutlichte in seinem Beitrag die Traditionen des humanistischen Denkens in Gülens Menschenbild. Gerade hier ergeben sich Möglichkeiten des Gespräches, wie Dr. Marc Hieronimus von Universität Amiens am zweiten Konferenztag zeigte. Hieronimus wies in seinem Beitrag auf die philosophischen Traditionen am Abendland hin, von denen her das Denken Fettullah Gülens beurteilt werden kann.

Der zweite Konferenztag widmete sich schwerpunktmäßig dem Verhältnis der Gülen-Bewegung zur Zivilgesellschaft. Diese Zivilgesellschaft begegnet muslimischen Mitbürgern mit oder ohne Migrationshintergrund ambivalent. Der evangelische Theologe Thorsten Knauth stellt Ergebnisse von Befragungen unter christlichen und muslimischen Schülern in Hamburg und Nordrhein-Westfalen hinsichtlich der jeweiligen Wahrnehmungsbilder von Angehörigen anderer Religionen vor. Hier ist noch sehr viel Aufklärungsarbeit zu leisten, zu der sich auch die Gülen-Bewegung aufgerufen sieht.

Beispielhaft wurden einige Integrations-Projekte aus Nordrhein-Westfalen vorgestellt – darunter das „Gymnasium Dialog“ in Köln und eine Realschule in Solingen. Dr. Steffen Zdun stellte das soziale Projekt Medi.Peer vor, das auf die Integration benachteiligter Jugendlicher mit Migrationshintergrund zielt. Darüber hinaus wurde auf zahlreiche Einrichtungen der schulischen Nachhilfe verweisen, die es in nordrhein-westfälischen Städten gibt, ferner auf Initiativen von Förderkreisen sowie auf Kooperationen mit Kommunalverwaltungen, Integrationsbeauftragten und Schulämtern. An vielen Stellen seien zum Teil sehr aufgeschlossene Kooperationspartner anzutreffen. Prof. Dr. Wolf-Dietrich Bukow, Gründer der Forschungsstelle für interkulturelle Studien, verwies angesichts einer sich zunehmend globalisierenden Welt auf die wachsende Bedeutung soziokultureller Initiativen in der Zivilgesellschaft. Zu ihnen zähle eben auch die Gülen-Bewegung. Ergänzend unterstrich Prof. Dr. Klaus Otte die Bedeutung von Fettullah Gülens Einsatz für den Dialog der Religionen und Kulturen im Kontext eines sich selbst findenden Europas.

Der Bildungsaspekt ist für Fettullah Gülen und für die sich auf ihn berufende Bewegung wesentlich. Demnach stellt Bildung einen bedeutenden Beitrag zur Integration muslimischer Bürger und Bürgerinnen in die jeweiligen Mehrheitsgesellschaften dar. Frau Prof. Dr. Ursula Boos-Nünning, ehemalige Rektorin der Universität Essen, würdigte in ihrem Beitrag die Bildungsbemühungen der Gülen-Bewegung im Kontext der Migrationsforschung.

Die damit zugleich aufgeworfene Frage nach der Identität von Muslimen in einer säkularen Gesellschaft blieb ebenfalls im Rahmen der Konferenz nicht ausgespart. Was bedeutet „islamische Identität“ in einer sich säkular verstehenden Gesellschaft? Was überhaupt ist „Säkularität“? Erkennbar wurde, dass das Selbstverständnis von Muslimen wesentlich auf jenen besonderen Werten aufruht, die aus einem religiös geprägten Menschenbild resultieren. Diese Werte können in verschiedenen Bildungseinrichtungen vermittelt werden. Sie sollen nicht zuletzt das soziale Engagement jener Personen prägen, die sich der Gülen-Bewegung verbunden wissen.

Gülens Verhältnis zur säkularen Gesellschaft wurde indirekt auch im Zusammenhang mit dem Vortrag von Dr. Daniel Müller über die Zeitschrift „Fontäne“ problematisiert: Wie steht es hier um das Verständnis der Naturwissenschaften? Und die steht es um den „intellektuellen Diskurs“ der Gülen-Bewegung im Dialog mit atheistischen Positionen? Auf beiden Konferenztagen blieben kritische Positionen nicht ausgespart. So wurde beispielsweise über die Rolle von Frauen in der Gülen-Bewegung kontrovers diskutiert, aber auch über Gülens Verhältnis zu den Naturwissenschaften und dem Atheismus.

Gülens Beharren auf dem Kreationismus und seine Verurteilung atheistischer Positionen sind der sich mehrheitlich säkular verstehenden Gesellschaft in Mitteleuropa nur schwer zu vermitteln. Diskreditieren sie womöglich das Anliegen der Gülen-Bewegung insgesamt? Hinsichtlich der Rolle der Frauen in der Gülen-Bewegung wurde am zweiten Konferenztag eine engagierte Stellungnahme von Frau Özcan dankbar aufgenommen.

Die Vielfalt der hier nur angedeuteten thematischen Aspekte und der sich daran anschließenden Diskussionen sowohl in den Plenarsitzungen als auch in den Workshops konnte hier nur angedeutet werden. Die Beiträge des Kongresses sollen in einer gesonderten Dokumentation der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden und können somit über den Kongress selbst hinaus wirken.

Für die Realisierung des Kongresses sowie für die noch ausstehende Publikation ist den Sponsoren des Kongresses zu danken, darunter die „Internationale Kultur- und Bildungsakademie Yadigar e.V.“ , dem „Forum für Internationale und Düsseldorfer Arbeitgeber und Unternehmer in Nordrhein-Westfalen“ (Fidan) sowie dem Kölner „Verein für Unternehmer, Existenzgründer und Berufseinsteiger“ (Synko). Und nicht zuletzt ist den zahlreichen Männer und Frauen zu danken, die Planung, Vorbereitung und Durchführung der Konferenz mit großem Engagement vorangebracht und maßgeblich zu seinem Gelingen beigetragen haben.

Ruhr-Universität Bochum, 7.-8. Juni 2010, PD. Dr. Dirk Ansorge

Informationen über diverse Gülen-Konferenzen:

19–21 October 2009

Future of Reform in the Muslim World: Comparative Experiences with Fethullah Gülen’s Movement in Turkey, Arab League headquarters, Organized by Cairo University and Hira Magazine

26-28 Mai 2009

Muslims between Tradition and Modernity: The Gülen Movement as a Bridge between Cultures. Potsdam, Deutschland

4-6 December 2009

East and West Encounters: The Gülen Movement“, University of Southern, Los Angelos

http://gulenconference.net/files/CFP.pdf

15-16 July 2009

From Dialogue to Collaboration: The Vision of Fethullah Gülen and Muslim-Christian Relations“ at Australian Catholic University in Melbourne

http://www.fethullahgulen.org/press-room/news/3416-melbourne-conference.html?showall=1

http://www.intercultural.org.au/events_2007/gulen_chair/index.htm

6-7 March 2009

The Fifth International Conference on Islam in the Contemporary World:The Gülen Movement in Thought and Practice. Louisiana State University, Baton Rouge, Louisiana

http://www.fethullahgulenconference.org/

„conference-papers“ von diversen Konferenzen:

http://www.fethullahgulen.org/conference-papers/

 

 

  • Ort: Ruhr-Universität Bochum
  • Datum: 7.-8. Juni 2010