BDDI Dialogpreis 2014

BDDI Dialogpreis 2014

„Menschen bauen Brücken“ – unter diesem Motto wurde in diesem Jahr der
mit insgesamt 12.000 Euro dotierte Dialogpreis verliehen. Der
Dialogpreis ehrt das außerordentliche Engagement herausragender
Persönlichkeiten für unsere Gesellschaft.

Jeden Tag bauen Menschen deutschlandweit Brücken für das Miteinander
von Menschen mit unterschiedlichen kulturellen, ethnischen und
religiösen Hintergründen. Um dieses Engagement in den Vordergrund zu
rücken, hat der Bund Deutscher Dialog Institutionen (BDDI) den
Deutschen Dialogpreis im Jahr 2013 zum ersten Mal verliehen. Das
Rumi-Forum am Rhein e.V. ist Mitglied des BDDI. Der Preis wird immer
in den vier Kategorien Wissenschaft und Bildung, Literatur,
Interreligiöser Dialog sowie Lebenswerk vergeben.

Am 04. November 2014 im Steigenberger Hotel am Kanzleramt Berlin fand
die Verleihung des „Deutschen Dialogpreises 2014“ statt. Die
diesjährigen Preisträger waren Prof. Dr. Yasemin Karakasoglu
(Konrektorin der Universität Bremen, Kategorie Wissenschaft und
Bildung), Dr. Navid Kermani (freier Schriftsteller, Kategorie
Literatur), Dr. Thomas Lemmen (Katholische Hochschule
Nordrhein-Westfalen, Kategorie Interreligiöser Dialog) und Dr. Tvoa
Ben Chroin (Rabbiner der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Kategorie
Lebenswerk). Der Preis ist mit je 3.000 Euro dotiert.

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Prediger, Dichter, Seelenführer

Fethullah Gülen bewegt den türkischen Volksislam – sogar aus dem fernen Amerika

An seiner Person und seinem Wirken scheiden sich die Geister – in der Türkei wie außerhalb. Den einen gilt er als Schöpfer einer moderaten islamischen Volksbewegung, die es geschafft hat, den Islamismus zu überwinden, doch authentisch zu bleiben. Den anderen ist er – gerade wegen seiner Verwurzelung in der Tradition – ein Reaktionär, der unter einem modernistischen Firnis überdies mit seinen wahren Zielen hinter dem Berg halte. Eines freilich muss man Fethullah Gülen zugutehalten: Seine Ideen haben nicht nur in traditionell-islamischen Kreisen Anklang gefunden – etwa in jenem Milieu, aus dem Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan und Staatspräsident Abdullah Gül kommen -, sondern auch in moderneren Schichten der türkischen Bevölkerung, die seinen Ansatz bemerkenswert finden.

„The Gülen Movement“ ist der Titel einer Studie, in der die amerikanische Soziologin Helen Rose Ebaugh Person und Werk Gülens einführend und zusammenfassend darstellt. Sie sieht in der Gülen-Bewegung eine zivilgesellschaftliche Bewegung, die im moderaten Islam verwurzelt sei. Gülen, Jahrgang 1941 oder 1938, hat es in den Jahren zwischen 1960 und etwa 1990 tatsächlich verstanden, der bekannteste Prediger des türkischen Volksislams zu werden. Seine Anhänger zählen heute nach Millionen, und er hat sie auf allen fünf Kontinenten. Es gibt darüber hinaus Gülen-Schulen (auch in Deutschland), eine Bank, Hospitäler, den Sender Samanyolu, die türkische Zeitung „Zaman“ und andere Einrichtungen, die von ihm inspiriert wurden.

Erneuerung der Religion aus den traditionellen Quellen des anatolischen Volksislams, so charakterisiert die Autorin Gülens Denken. Er predigt, kurz gesagt, der Islam müsse sich modernisieren, die Wissenschaft ohne Wenn und Aber akzeptieren, den Dialog mit anderen Religionen und Kulturen suchen, den Terrorismus bekämpfen und darüber hinaus die Volksbildung anheben. Bildung sei der Schlüssel zu einem zeitgenössischen Islam überhaupt. Außerdem wandte sich Gülen schon immer gegen die schwerfällige, etatistische Staatswirtschaft der Türkei.

Wichtigste geistige Bezugsperson Fethullah Gülens ist der kurdische Schriftgelehrte Bediüzzaman Said-i Nursi (1876-1960), der in seinem umfangreichen Werk „Risale-i Nur“ („Sendschreiben des Lichts“) drei Dinge forderte: Bildung, eine vor allem ethisch geprägte Auslegung der Scharia und eine – viele kritische Fragen aufwerfende – „Integration“ der modernen Naturwissenschaft in den Islam. Auf Said-i Nursi bezieht sich die Erweckungsbewegung Nurculuk, die zu den einflussreichsten religiösen Strömungen der Türkei gehört. Schon Kemal Atatürk hatte in den zwanziger Jahren versucht, den damals populären Said-i Nursi für sein Vorhaben zu gewinnen, doch dieser verweigerte sich dem Staatsgründer, weil ihm die Reformen Atatürks zu radikal und zu weltlich waren. Nursi verbrachte viele Jahre im innertürkischen Exil und im Arrest.

Sein „Schüler“ Gülen strebt nach einem speziell türkischen Islam. Der soll sich vom schiitischen Islam der Iraner ebenso unterscheiden wie vom sunnitischen Scharia-Islam der Araber. Er greift dabei auf die auch mit Mystik durchsetzten Traditionen des bruderschaftlichen anatolischen Volksislams zurück, die – etwa als Ahi-Bünde – schon in frühosmanischer Zeit eng mit den Handwerkergilden (den Futuwwa-Bünden) verbunden waren und gewisse Tugenden alltäglicher Frömmigkeit institutionalisierten. Man nannte das Fütüvvet: Milde, Nachbarschaftlichkeit, Großherzigkeit (bereket), Erbarmen mit den Armen, Freigebigkeit, soziales Denken.

Nach der weltpolitischen Wende sah Ankara es durchaus gern, dass die Gülen-Bewegung unter den unabhängig gewordenen türkisch-muslimischen Brüdern des Kaukasus oder Mittelasiens missionierte und dort Bildungsarbeit leistete. Gülen, der auch ein Poet ist, trug seine Gedichte im Wettstreit mit dem ebenfalls dichtenden sozialdemokratischen und laizistischen Ministerpräsidenten Bülent Ecevit (1925-2006) vor. Doch er verließ die Türkei vorerst in Richtung Amerika, weil aufgrund einer seiner Predigten doch erhebliche Zweifel an seiner Achtung vor dem weltlichen Staat und der Demokratie aufgekommen waren. Seine Anhänger sprachen von einer Fälschung. In Amerika lebt er bis heute, doch sein Einfluss ist ungebrochen.

Auch die Bedenken, die viele gegenüber Gülen hegen, werden am Ende unter der Überschrift „Kritische Stimmen“ erwähnt. Leider zu wenig ausführlich und zu unbestimmt. Dass er ein „Agent der Amerikaner“ sei, ist gewiss verschwörungstheoretischer Unsinn. Doch kritisieren manche den Mangel an Transparenz, was die Finanzierung seiner Institutionen angehe. Wie in vielen religiösen Erweckungsbewegungen leben auch die Fethullahçilar von einer autoritativen Struktur, von personellen Abhängigkeiten („Netzwerken“) und von einer charismatischen Seelenführerschaft, die heutzutage nicht mehr jedermanns Sache ist. Gülen habe auch nichts gegen die traditionelle Unterordnung der Frau, sagen seine Kritiker, und er werde überhaupt erst die Katze aus dem Sack lassen, wenn eine islamische Ordnung in der Türkei wiedererrichtet worden sei. Doch ein interessantes religionsgeschichtliches und gesellschaftliches Phänomen ist die Gülen-Bewegung allemal.

WOLFGANG GÜNTER LERCH

Helen Rose Ebaugh: The Gülen Movement. A Sociological Analysis of a Civic Movement Rooted in Moderate Islam. Springer Science and Business Media, Dordrecht/Heidelberg/London/ New York 2010. 134 S., 32,05 [Euro].

Quelle:http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/2.1715/prediger-dichter-seelenfuehrer-11029936.html

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Die Bildungslage in Deutschland

Im März 2009 war die NRW-Landtagspräsidentin Frau Regina van Dinther Ehrengast und Referentin des Rumigesprächs. Sie trug einen Vortrag über das Thema „Bildung“, insbesondere die Bildung von Kindern mit Zuwanderungsgeschichte vor.

In Ihrer Rede hob die Präsidentin zunächst hervor, dass die Bildung nach Maßgabe des Grundgesetzes in den Kompetenzbereich der Länder zugeordnet ist. Daher müsse sich die Landespolitik mit diesem elementar wichtigem Thema in einer intensiven Art und Weise sachlich auseinander setzen, um eine erfolgreiche Zukunft des Landes NRW gewährleisten zu können.

Die Landtagspräsidentin sprach in Ihrem Vortrag die „Pisa Studie“ an. Sie teilte in diesem Zusammenhang mit, dass bei dieser Studie vor allem das Land NRW schlecht abgeschnitten habe. Ein wesentlicher Punkt für dieses schlechte Abschneiden sei unter anderem die Leistungen von Kindern mit Migrationshintergrund gewesen. Aus diesem Grund nehme die Landesregierung die Förderung von Kindern mit Zuwanderungsgeschichte sehr ernst. So habe man bei der Sprachförderung die Ausgaben achtfach erhöht, um bestehende sprachliche Barrieren abzubauen. Die Beherrschung der deutschen Sprache sei für eine erfolgreiche Bildung nicht hin wegzudenken. Dabei betonte die Präsidentin, dass die sprachliche Förderung schon vor dem Schulbesuch erfolgen müsse. Jedes Kind im Vorschulalter müsse einen Kindergartenplatz erhalten und in sprachlicher Hinsicht gefördert werden. Die erfolgreiche Schullaufbahn setze voraus, dass das Kind bereits beim Schulanfang die Grundkenntnisse in deutscher Sprache beherrsche. Daher habe die Landesregierung auch das Budget für die Kindergarten erheblich erhöht, um all diesen Anforderungen gerecht zu werden.

In dem weiteren Verlauf Ihres Gesprächs ging Sie auf die Unterstützung von Mädchen und Frauen ein. Wichtig sei vor allem die Förderung von Mädchen/Frauen, damit geschlechtsspezifische Benachteiligungen vermieden werden können. In diesem Zusammenhang schilderte die Frau van Dinther Ihre eigene Karriere als Beispiel dar. Sie habe in einer Zeit Ingenieurwissenschaften studiert, in der es unüblich war, dass eine Frau einen solchen beruflichen Werdegang bestritt. Sie habe aber gekämpft und dafür auch die Früchte Ihrer Bemühungen geerntet.

In Ihrem Vortrag unterstrich die Präsidentin mehrfach die aktive Teilnahme der Frauen in allen gesellschaftlichen und politischen Schichten. Sie betonte, dass ohne das Mitwirken der Frauen/Mütter eine erfolgreiche Bildungspolitik undenkbar sei. Weiterhin trug die Landtagspräsidentin vor, dass die Eltern selber auch Verantwortung übernehmen müssen, um eine erfolgreiche Bildung Ihrer Kinder zu gewährleisten. Man dürfe nicht alles von den Lehrern/innen erwarten. Vielmehr müssten die Eltern selber mitwirken, um ihren elterlichen Fürsorgepflichten gerecht zu werden. Es sei nicht verantwortungsvoll, alles von den Lehrern zu erwarten.

Darüber hinaus sagte die Präsidentin, dass für eine erfolgreiche Bildungspolitik Vorbilder mit Migrationshintergrund sehr wichtig seien. Diese müsse man in den Vordergrund stellen, damit die Kinder mit ausländischen Wurzeln sehen, dass eine erfolgreiche Karriere für jeden möglich ist. Diesbezüglich wies Sie auf Projekte hin, die von der Landesregierung getragen werden und warb für ein erfolgreiches gelingen dieser Projekte um aktive Partizipation von Akademikern mit Migrationshintergrund.

Zum Schluss Ihrer Rede beklagte Frau van Dinther, dass es in Deutschland im internationalen Vergleich zu wenige Akademiker gebe. Die Anzahl der Akademiker müsse gesteigert werden, um international weiterhin wettbewerbsfähig blieben zu können. Der Wirtschaftsstandort NRW brauche mehr Akademiker, so die Präsidentin.

Nach Ihrem Vortrag wurde das Wort an die etwa 200 Zuschauer übergeben, die der Präsidentin Fragen stellen durften. Die Fragerunde dauerte über eine Stunde. Das große Interesse der Teilnehmer/innen war nicht zu übersehen. Anschließend unterhielt sich die Frau van Dinther mit den Vertretern von mehreren Fraueninitiativen, und unterstrich die Bedeutung der aktiven Teilnahme von Frauen mit Zuwanderungsgeschichte im sozialen Leben. Frauen mit Migrationshintergrund müssten sich in allen gesellschaftlichen Bereichen engagieren. Sie versprach den Frauen, diese in Ihren Tätigkeiten zu unterstützen.