Taj-tod

„Ich danke meinem Schöpfer, dass wir den Tod auch verdrängen dürfen“

Auch wenn der Tod nur einen kleinen Moment im Leben eines Menschen darstellt, ist er doch ein fester Bestandteil unseres Bewusstseins. Dass man ihn verdrängen kann, ist für Prof. Dr. Hörries ein Segen.

Kein anderes Thema ist für den Menschen so elementar und bedrückend zugleich wie der Tod. Daher kann es kaum verwundern, dass jeder Kulturkreis für die Bestattung der Toten eigene Formen und Riten entwickelt hat. In einem Interview mit der Zeitschrift Die Fontäne erklärt der ehemalige Direktor des Museum für Sepulkralkultur in Kassel Prof. Dr. Reiner Hörries, dass es ein Segen sei, den Tod verdrängen zu dürfen.

Der Tod ist Realität für jeden Einzelnen von uns. Neben unserem eigenen Tod, der uns mit zunehmendem Alter immer öfter beschäftigt, werden wir an ihn erinnert, wenn aus unserer Familie oder unserem Bekanntenkreis jemand verstirbt. Für Hinterbliebene ist der Tod dann – je nach Nähe zum Toten – in der Regel der Anfang einer sehr langen Phase der Verwirrung und Desillusion. Der Tod ist jedoch auch Kultur. Es gibt zwar einen Tod, aber viele verschiedene Wege, aus dieser Welt zu scheiden.

Ein Religionsphilosoph sagte einst: „Ich weiß nur eins sicher: dass es den Tod gibt.“ Dieser realistischen bzw. wissenschaftlichen Erkenntnis stehen aber auch andere religionsphilosophische Meinungen gegenüber.

Der Tod aus Rumis Sicht

Rumi etwa, der große Sufi-Meister aus Konya, sah dem Übertritt ins Jenseits wie einer Hochzeit entgegen, die ihn endlich mit Gott, seiner lang ersehnten Liebe, vereinigen würde: „Der Tod ist nicht etwas, wovor man Angst haben sollte. Vor dem Tod Angst zu haben ist so, als ob man vor sich selbst Angst haben würde. Denn der Tod eines jeden Einzelnen ist ihm gleich und ein Spiegel seines irdischen Lebens zugleich.“

Dieser romantische, aufs Jenseits ausgerichtete Blick auf den Tod ist sehr speziell und kann natürlich nicht für jeden gelten. Dennoch ist er ein Entwurf, der bei vielen Menschen rund um den Globus Zuspruch findet.

Schon seit jeher wird der Tod in allen Gesellschaften von der breiten Masse der Bevölkerung eher als eine Phase der Trauer und des Traumas wahrgenommen. In der modernen Mediengesellschaft ist es nicht ein „individuelles Trauma“, sondern über die vielen tagtäglichen Berichte über Katastrophen, Terroranschläge und Kriege ein kollektives. Es sind wenige Medien, die in dieser schnelllebigen Zeit ausführlich dem „einfachen Tod“ Aufmerksamkeit schenken. Der Berliner Tagesspiegel ist einer davon und berichtet jeden Freitag unter dem Titel „Nachrufe“ über Menschen, die gerade von uns gegangen sind.

Eine Form der Selbsttherapie?

Die Bestattung und die Trauerzeremonie ist für die Hinterbliebenen eine Gelegenheit, dem Verschiedenen eine letzte Ehre zu erweisen, gleichzeitig aber auch eine Form der Selbsttherapie. Das Abschied-Nehmen ist für die Abschiednehmenden einerseits sehr schwierig, andererseits elementar und entscheidend für ihre persönliche Zukunft. Der Theologe Prof. Dr. Hörries ist der Meinung, dass es ein Segen sei, den Tod zu verdrängen zu können: „Ich danke meinem Schöpfer dafür, dass es uns Menschen trotz des Bewusstseins unserer Sterblichkeit geschenkt ist, dass wir den Tod auch verdrängen dürfen. Wenn ich täglich an den Tod und an mein Ende denken würde und müsste, hätte ich ja gar keine Lebensperspektive mehr.“

Es gibt sehr viele Bestattungsnormen und -kulturen, die sich in den vergangenen Jahrtausenden auch stetig weiter entwickelt haben. Die Friedhofskultur in Deutschland beispielsweise hat ihren Ursprung im frühen Römischen Reich. Dort war es üblich, dass die Familien ihre Verstorbenen persönlich vergruben: „Meistens auf einem freien Fleckchen Erde unweit vom eigenen Zuhause“, klärt Prof. Dr. Hörries auf und ergänzt: „Im späten Römischen Reich wurde den Familien diese Aufgabe dann erstmals von der Gemeinde abgenommen, und die Idee eines zentralen Friedhofs nahm Gestalt an.“

Es setzt ein Umdenken ein

Heute existieren neben jahrtausendealten Bestattungsformen auch moderne Formen der Bestattung. Die Unterschiede sind nicht mehr nur zwischen, sondern auch innerhalb der Kulturräume vorhanden. Prof. Dr. Hörries hat eine Erklärung dafür: „Zum einen gibt es in unserem Land immer weniger Christen. Ein Drittel ist bereits konfessionslos; aber selbst unter Christen gehen die kirchlichen Bestattungen zurück, unter anderem deshalb, weil die christlichen Pfarrer – und da muss ich mich mit einrechnen, weil ich selber Pfarrer bin – diese Aufgabe häufig zu sehr als eine Routineaufgabe verstanden haben. Doch derzeit habe ich das Gefühl, dass ein Umdenken einsetzt. Ich glaube, dass wir Theologen und Pfarrer im Amt uns gerade neu bewusst machen, dass Bestattung im kirchlichen Sinne ein Werk der Barmherzigkeit ist.“

Das gesamte Interview kann man in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift oder auf www.fontäne.de lesen. Die Fontäne ist bis Ende März in gut sortierten Bahnhofsbuchhandlungen erhältlich.

 

Quelle: DTJ-Online.de