Fethullah Gülen-Bewegung Türkei Deutschland

Die Gülen-Bewegung – Was sie ist, was sie will Buchvorstellung & Gespräch mit Ercan Karakoyun

Seit dem niedergeschlagenen Putschversuch gegen den türkischen Präsidenten Erdoğan im Sommer 2016 ist Hizmet (die sog. Gülen-Bewegung) in aller Munde. Ihre Mitglieder werden verfolgt, mit Ausreiseverboten belegt und ins Gefängnis gesteckt.
Darauf reagiert Ercan Karakoyun mit seiner neuen Publikation „Die Gülen Bewegung – Was sie ist, was sie will“. Er schreibt über Hizmet-Engagierte, ihre Ziele und ihre verxänderte Situation in Deutschland und der Türkei und erzählt, was die auch hierzulande aktive Gülen-Bewegung wirklich will: einen menschlichen Islam, Demokratie und Bildung.
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„In Deutschland, Österreich und der Schweiz, in Frankreich, England und den USA, in Spanien,Italien und in Skandinavien – überall gibt es Hizmet-Initiativen, die den Beweis antreten, dass Islam und Demokratie zusammengehören.“
Ercan Karakoyun
Ercan Karakoyun ist in Deutschland geboren und aufgewachsen und selbst Beispiel einer gelungenen Integration. Der mehrfache Buchautor ist Vorsitzender der Stiftung „Dialog und Bildung“. Ein wichtiges Buch zu einem brennend aktuellen Thema – von einem echten Insider.
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Veranstaltung: Die Gülen Bewegung: WAS SIE IST, WAS SIE WILL Buchvorstellung und Gespräch mit Ercan Karakoyun
Datum:

Donnerstag, 30. März 2017 Einlass 18:45 Uhr, Beginn 19.15 Uhr Ort: Volkshochschule Düsseldorf, Saal 1
Bertha von Suttner Pl. 1, 40227 Düsseldorf

Moderation: Marfa Heimbach
Anmeldungen bitte per E-Mail bis zum 29.3.2017 an info@rumiforum.de,
oder telefonisch unter 0178 – 899 99 67, Herr Esen _________________________________________________________________________


Fethullah Gülen-Bewegung Türkei Deutschland

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„Gülen-Inspired Hizmet in Europe“

Wissenschaftliche Publikation – Dieux, Hommes et Religions

Im Peter Lang Verlag wurde eine wissenschaftliche Untersuchung über die Aktivitäten der Hizmet-Bewegung in Europa veröffentlicht. Die Wissenschaftler führten dazu Studien in sechs europäischen Ländern durch. Ihrem Urteil zufolge treffen dabei Einschätzungen der Bewegung als “konservativ”, “politisch” oder “fromm” an den Lebenswirklichkeiten vorbei. Ihre Ergebnisse geben eine weit vielschichtigere Antwort auf den Charakter und die Aktivitäten der Bewegung.

Die Wissenschaftler führten ihre Studien in Belgien, den Niederlanden, Großbritannien, Deutschland, Frankreich und Albanien durch. Dabei wurden Vereine und Aktivitäten in den Feldern Bildung, Medien, Wirtschaft, Dialog und Menschrechte in den Fokus genommen. Die Publikationssprache ist englisch.

Käuflich zu erwerben bei Amazon


 

Via: Stiftung Dialog und Bildung

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Prediger, Dichter, Seelenführer

Fethullah Gülen bewegt den türkischen Volksislam – sogar aus dem fernen Amerika

An seiner Person und seinem Wirken scheiden sich die Geister – in der Türkei wie außerhalb. Den einen gilt er als Schöpfer einer moderaten islamischen Volksbewegung, die es geschafft hat, den Islamismus zu überwinden, doch authentisch zu bleiben. Den anderen ist er – gerade wegen seiner Verwurzelung in der Tradition – ein Reaktionär, der unter einem modernistischen Firnis überdies mit seinen wahren Zielen hinter dem Berg halte. Eines freilich muss man Fethullah Gülen zugutehalten: Seine Ideen haben nicht nur in traditionell-islamischen Kreisen Anklang gefunden – etwa in jenem Milieu, aus dem Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan und Staatspräsident Abdullah Gül kommen -, sondern auch in moderneren Schichten der türkischen Bevölkerung, die seinen Ansatz bemerkenswert finden.

„The Gülen Movement“ ist der Titel einer Studie, in der die amerikanische Soziologin Helen Rose Ebaugh Person und Werk Gülens einführend und zusammenfassend darstellt. Sie sieht in der Gülen-Bewegung eine zivilgesellschaftliche Bewegung, die im moderaten Islam verwurzelt sei. Gülen, Jahrgang 1941 oder 1938, hat es in den Jahren zwischen 1960 und etwa 1990 tatsächlich verstanden, der bekannteste Prediger des türkischen Volksislams zu werden. Seine Anhänger zählen heute nach Millionen, und er hat sie auf allen fünf Kontinenten. Es gibt darüber hinaus Gülen-Schulen (auch in Deutschland), eine Bank, Hospitäler, den Sender Samanyolu, die türkische Zeitung „Zaman“ und andere Einrichtungen, die von ihm inspiriert wurden.

Erneuerung der Religion aus den traditionellen Quellen des anatolischen Volksislams, so charakterisiert die Autorin Gülens Denken. Er predigt, kurz gesagt, der Islam müsse sich modernisieren, die Wissenschaft ohne Wenn und Aber akzeptieren, den Dialog mit anderen Religionen und Kulturen suchen, den Terrorismus bekämpfen und darüber hinaus die Volksbildung anheben. Bildung sei der Schlüssel zu einem zeitgenössischen Islam überhaupt. Außerdem wandte sich Gülen schon immer gegen die schwerfällige, etatistische Staatswirtschaft der Türkei.

Wichtigste geistige Bezugsperson Fethullah Gülens ist der kurdische Schriftgelehrte Bediüzzaman Said-i Nursi (1876-1960), der in seinem umfangreichen Werk „Risale-i Nur“ („Sendschreiben des Lichts“) drei Dinge forderte: Bildung, eine vor allem ethisch geprägte Auslegung der Scharia und eine – viele kritische Fragen aufwerfende – „Integration“ der modernen Naturwissenschaft in den Islam. Auf Said-i Nursi bezieht sich die Erweckungsbewegung Nurculuk, die zu den einflussreichsten religiösen Strömungen der Türkei gehört. Schon Kemal Atatürk hatte in den zwanziger Jahren versucht, den damals populären Said-i Nursi für sein Vorhaben zu gewinnen, doch dieser verweigerte sich dem Staatsgründer, weil ihm die Reformen Atatürks zu radikal und zu weltlich waren. Nursi verbrachte viele Jahre im innertürkischen Exil und im Arrest.

Sein „Schüler“ Gülen strebt nach einem speziell türkischen Islam. Der soll sich vom schiitischen Islam der Iraner ebenso unterscheiden wie vom sunnitischen Scharia-Islam der Araber. Er greift dabei auf die auch mit Mystik durchsetzten Traditionen des bruderschaftlichen anatolischen Volksislams zurück, die – etwa als Ahi-Bünde – schon in frühosmanischer Zeit eng mit den Handwerkergilden (den Futuwwa-Bünden) verbunden waren und gewisse Tugenden alltäglicher Frömmigkeit institutionalisierten. Man nannte das Fütüvvet: Milde, Nachbarschaftlichkeit, Großherzigkeit (bereket), Erbarmen mit den Armen, Freigebigkeit, soziales Denken.

Nach der weltpolitischen Wende sah Ankara es durchaus gern, dass die Gülen-Bewegung unter den unabhängig gewordenen türkisch-muslimischen Brüdern des Kaukasus oder Mittelasiens missionierte und dort Bildungsarbeit leistete. Gülen, der auch ein Poet ist, trug seine Gedichte im Wettstreit mit dem ebenfalls dichtenden sozialdemokratischen und laizistischen Ministerpräsidenten Bülent Ecevit (1925-2006) vor. Doch er verließ die Türkei vorerst in Richtung Amerika, weil aufgrund einer seiner Predigten doch erhebliche Zweifel an seiner Achtung vor dem weltlichen Staat und der Demokratie aufgekommen waren. Seine Anhänger sprachen von einer Fälschung. In Amerika lebt er bis heute, doch sein Einfluss ist ungebrochen.

Auch die Bedenken, die viele gegenüber Gülen hegen, werden am Ende unter der Überschrift „Kritische Stimmen“ erwähnt. Leider zu wenig ausführlich und zu unbestimmt. Dass er ein „Agent der Amerikaner“ sei, ist gewiss verschwörungstheoretischer Unsinn. Doch kritisieren manche den Mangel an Transparenz, was die Finanzierung seiner Institutionen angehe. Wie in vielen religiösen Erweckungsbewegungen leben auch die Fethullahçilar von einer autoritativen Struktur, von personellen Abhängigkeiten („Netzwerken“) und von einer charismatischen Seelenführerschaft, die heutzutage nicht mehr jedermanns Sache ist. Gülen habe auch nichts gegen die traditionelle Unterordnung der Frau, sagen seine Kritiker, und er werde überhaupt erst die Katze aus dem Sack lassen, wenn eine islamische Ordnung in der Türkei wiedererrichtet worden sei. Doch ein interessantes religionsgeschichtliches und gesellschaftliches Phänomen ist die Gülen-Bewegung allemal.

WOLFGANG GÜNTER LERCH

Helen Rose Ebaugh: The Gülen Movement. A Sociological Analysis of a Civic Movement Rooted in Moderate Islam. Springer Science and Business Media, Dordrecht/Heidelberg/London/ New York 2010. 134 S., 32,05 [Euro].

Quelle:http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/2.1715/prediger-dichter-seelenfuehrer-11029936.html

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Die Gülen-Bewegung – Eine empirische Studie

Kurzbeschreibung

Anhand von Interviews und Besuchen vor Ort beschreibt Helen Rose Ebaugh in ihrer empirisch angelegten Studie die Gülen-Bewegung aus soziologischer Perspektive. Diese, so ihr Ergebnis, ist eine zivilgesellschaftliche Bewegung, die im gemäßigten Islam verwurzelt ist. Sie hat sich weltweit ausgebreitet, da in vielen Gesellschaften Integration durch Bildung und die Förderung des interreligiösen und interkulturellen Dialogs von großer Bedeutung sind.

Über den Autor

Helen Rose Ebaugh, Professorin für Religionssoziologie und Erforschung der Weltreligionen an der University of Houston, veröffentlicht in diesem Buch die Ergebnisse einer fünfjährigen Forschungsarbeit.

  • Autorin: Helen Rose Ebaugh
  • Verlag: Verlag Herder; Auflage: 1 (28. Februar 2012)
  • ISBN-10: 3451306042
  • ISBN-13: 978-3451306044
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Die Gülen-Bewegung – zwischen Predigt und Praxis

Kurzbeschreibung

Die Entwicklung des Islam in der Gegenwart ist das wesentliche Anliegen einer Bewegung, die von dem in den USA lebenden türkischen Prediger Fethullah Gülen inspiriert wurde. Die Gülen-Bewegung, die in der Türkei eine millionenfache Anhängerschaft verzeichnet und sich weltweit für Bildung, interkulturellen und interreligiösen Dialog einsetzt, unterhält Schulen und außerschulische Nachhilfeeinrichtungen in zahlreichen Ländern, auch in Deutschland. Die Verbindung der islamischen Pflichtenlehre mit den Erfordernissen moderner Gesellschaftsformen ist ebenso kennzeichnend für die Bewegung wie die Offenheit gegenüber Naturwissenschaften, Technologie und Wirtschaft.

 

  • Herausgeber: Ursula Boos-Nünning, Christoph Bultmann, Bülent Ucar
  • Verlag: Aschendorff Verlag (5. Juli 2011)
  • ISBN-10: 3402128985
  • ISBN-13: 978-3402128985
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Muslime zwischen Tradition und Moderne

Muslime zwischen Tradition und Moderne – Kurzbeschreibung

Die Gülen-Bewegung zählt zu den einflussreichsten islamischen Bewegungen. In Deutschland und anderen westlichen Demokratien setzt sie auf Integration durch Bildung und Dialog. Kritiker werfen ihr allerdings vor, eine unterschwellige islamistische Agenda zu vertreten. Dieser Sammelband informiert über gesellschaftliche und religiöse Positionen von Fethullah Gülen sowie über Strukturen und Aktivitäten der Gülen-Bewegung in Deutschland auf dem Weg zu einer islamisch-europäischen Identität.

Pressestimmen

„Wer sich einen Einblick in dieses erstaunlich breite und starke Phänomen verschaffen will, erhält hier die willkommene Gelegenheit.“ (Süddeutsche Zeitung 20110314)

„Unaufgeregt, informativ, sachkundig und kritisch, dort wo es angebracht ist – das ideale Geschenk nicht nur für Thilo Sarrazin, sondern bestens geeignet als Argumentationshilfe und zur Versachlichung der aktuellen Debatte.“ (Kölner Stadt-Anzeiger )

„Es lohnt sich, das Buch »Muslime zwischen Tradition und Moderne. Die Gülen-Bewegung als Brücke zwischen den Kulturen« zu lesen, das jüngst von einem jüdisch-christlich-muslimischen Team herausgegeben wurde und im Herder-Verlag erschienen ist.“ (taz.de )

 

  • Autoren: Bekim Agai (Autor), Michael Blume (Autor), Claudia Derichs (Autor), Johann Ev. Hafner (Autor), Rainer Hermann (Autor), Walter Homolka (Herausgeber), Ercan Karakoyun (Herausgeber), Admiel Kosman (Herausgeber), Thomas Michel (Autor), Simon Robinson (Autor), Leonid R. Sykiainen (Autor), Wilhelm Willeke (Autor), Johann Hafner (Herausgeber)
  • Verlag: Verlag Herder; Auflage: 1 (5. Oktober 2010)
  • ISBN-10: 3451303809
  • ISBN-13: 978-3451303807
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Identität, Kurdenproblematik und Zentralasien

In der Vergangenheit hat man Sie einen Pan-Turkisten, Neo-Osmanen, Nationalisten und Etatisten genannt. Heute hingegen bezeichnet man Sie gelegentlich als Amerika-Freund, als CIA-Agenten oder auch als Kardinal. Wie gehen Sie mit solchen Unterstellungen um?

Ich habe immer auf der Seite meines Volkes gestanden. Nicht nur das Innere meines Herzens ist kristallklar, sondern auch meine Position. Aber sogar ein Mensch, der sich seiner selbst ganz bewusst ist, fühlt sich von solchen Unterstellungen in seiner Ehre gekränkt. Selbst ein Mensch, der so hart wie Granit oder wie die Oberfläche der Erde ist, spürt die Erschütterungen, wenn andere auf ihm herum springen. Ich versuche ruhig zu bleiben und bete: „O Du, mein Nachsichtiger Gott! Aber ich bin auch nur ein Mensch. Ich kann nicht von mir behaupten, dass mich diese Unterstellungen nicht stören würden.

Ich versichere mir selbst mit meinem Glauben, dass diese Verdächtigungen mich vielleicht reinigen können, dass sie einem Bad in einer reinigenden Quelle gleichkommen. Ich lese im Koran, mit welchen von Unwissenheit kündenden Worten der Herr der Welten belegt wurde. Dort heißt es dann weiter, dass die Erde und die Himmel beben und in Stücke zerbersten werden, nachdem sie ihre Worte ausgesprochen haben.

Außerdem rufe ich mir in Erinnerung, dass man den Stolz der Menschheit [den Propheten Muhammad] einen Dichter nannte, ihn später sogar als Orakel bezeichnete. Man warf ihm vor, der Thora und den Evangelien Passagen entnommen zu haben. Ich sage mir also: „Wie sehr müssen diese unbegründeten und hässlichen Worte die Seele eines so ehrenhaften und rechtschaffenen Menschen verletzt haben!“ Dann bleibt mir nichts anderes übrig, als mich selbst zu fragen: „Was glaubst du, wer du bist, wenn du die Worte, die sie gegen dich richten, so überbewertest?“ Aber um ehrlich zu sein: Ich verspüre das Bedürfnis, viel zu beten, um mich von diesen Gedanken zu befreien und zu genesen.

Gab es Zeiten, in denen Sie die Menschen in Ihrem Umfeld in Hinblick auf diese Vorwürfe beruhigen mussten?

Die Menschen, die mich schätzen, sind meine früheren Schüler, die nach wie vor hinter mir stehen, Freunde in Nah und Fern, und Menschen, die meine Sicht der Dinge teilen. Einige von ihnen kenne ich namentlich, andere habe ich vielleicht nur einmal gesehen, erinnere mich aber an sie, wenn ich sie wieder treffe. Würden diese Freunde nicht an den Sinn des Dienstes am Mitmenschen glauben, hätten sie sich wohl längst in alle Himmelsrichtungen zerstreut. Doch im Gegenteil: Sie haben selbst die vernichtendsten Stürme überstanden, ohne dass sie von mir hätten beruhigt werden müssen. Einige von ihnen haben ihrerseits sogar mich [bei bestimmten Gelegenheiten] getröstet.

Ich werde nie vergessen, wie mich ein sehr enger Freund während eines solchen Sturms [während der Verschwörung] besuchte. Er erzählte mir: „Ich ging die Bagdad-Straße [eine vor allem von der High Society frequentierte Straße in Istanbul] herunter, als mir ein junges Pärchen entgegenkam. Ich hörte, wie das Mädchen dem Jungen klagte: ,Weißt du, sie haben so viel Widerwärtiges und Abstoßendes über den Hodscha gesagt, der für uns doch immer für den Dialog stand, dass ich die ganze Nacht nicht schlafen konnte.'“ Mein Freund versicherte mir dann: „Sei dir gewiss: Dies ist die Meinung des türkischen Volkes.“ Meine Freunde stehen hart und unbeugsam wie Stahl hinter mir. Zu dem Hass und der Ungerechtigkeit derer, die mich anklagen, möchte ich nichts weiter sagen als dass sie mich eben so interpretieren und dass sie sich irren.

Was heißt das konkret?

Diejenigen, die Negatives über mich verbreiten, die die Öffentlichkeit beeinflussen und sie gegen mich aufzubringen versuchen, sind unaufrichtig. Hätten sie zunächst nach Gründen für mein Handeln und meine Standpunkte gesucht und sie erst dann bewertet, wären sie wohl zu einer anderen Einschätzung gekommen. Die Umfragen, die während der heftigsten Stürme von unabhängiger Seite durchgeführt wurden, belegen, dass eine überwältigende Mehrheit meine Standpunkte guthieß; und das, obwohl man sich zu jener Zeit in Gefahr begab, wenn man meine Standpunkte offen befürwortete. Trotz dieser Umfrageergebnisse ging man damals gegen mich vor und ließ die öffentliche Meinung völlig außer Acht. Das alles ist ganz eindeutig und lässt sich sehr schön mit einem Koranvers beschreiben: Was sollte also nach der Wahrheit (übrig) bleiben als der Irrtum? (10:32) Aber auch dieser Vers ist eigentlich zu gehaltvoll, als dass ich ihn auf mich beziehen könnte. Deshalb möchte ich lieber sagen: „Vielleicht ist da etwas, das ich nicht weiß, sie jedoch schon. Oder vielleicht haben sie so gehandelt, weil sie bestimmte Dinge falsch interpretiert haben.“ Deshalb war ihre Interpretation [Idschtihad] fehlerhaft, und dem islamischen Recht [Fiqh] entsprechend kann eine falsche Interpretation nur Gewinn bringen. [Idschtihad: die größtmögliche Anstrengung in einer rechtlichen Frage, um eine logische Schlussfolgerung ziehen zu können und so zur Wahrheit zu gelangen].

Leyla Zana und ihre Freunde haben in der französischen Presse einen Appell veröffentlicht, in dem sie verlangten, die Türkei solle ein wirklich demokratisches Land werden, in dem kulturelle Vielfalt und politischer Pluralismus akzeptiert werden; darüber hinaus müsse sie den Bürgern kurdischen Ursprung die gleichen Rechte garantieren, die sie selber für die Türken in Zypern einfordert [gemeint ist ein Status der Unabhängigkeit]. Der Premierminister sagte, dies komme einem Selbstmord gleich.

Die Aussagen von Politikern sind nicht immer so endgültig wie ein Gesetz. Aber mit dem, was Tayyip Erdogan da sagte, muss man zweifellos übereinstimmen. Der zweite und der achte Präsident der Türkei, Inonu und Turgut Özal stammten aus Malatya im Südosten der Türkei, und beide waren Kurden. Der frühere Staatssekretär Hikmet Cetin stammt aus Diyarbakir, einer anderen Stadt im Südosten der Türkei. Viele unserer Bürger aus dem Osten und Südosten der Türkei konnten sich hohe Posten in unterschiedlichen Ämtern der Regierung erarbeiten: Soldaten, Gouverneure, Bürgermeister usw…. Im Justizministerium sind ebenfalls zahlreiche Kurden tätig. Führt man sich dies vor Augen, muss man sich doch fragen, von welchen Entbehrungen die Rede ist, wenn solche Forderungen wie die von Zana und anderen erhoben werden. Diese Forderungen sind in meinen Augen respektlos. Schon in der Vergangenheit haben Zana und andere im Parlament eine ähnliche Respektlosigkeit begangen, die nie hätte geschehen dürfen. Ich habe von vielen Menschen, die ich getroffen habe, gehört und gehe fest davon aus, dass 90-95% der Menschen im Südosten solche Forderungen nicht unterstützen. Wahrscheinlich fürchten sie sich vor solchen Provokateuren, die die Jugendlichen in die Straßen hetzen und sie dazu anstiften, Steine zu werfen und Autos anzuzünden, vor Menschen wie Zana und anderen, die immer so starke Worte machen. Meiner Meinung nach liegt die Zahl derer, die all das Unheil im Südosten angerichtet haben, bei unter 500. Da sie aber stets mit der ,Hit-and-Run-Taktik‘ agieren, hat es eine organisierte Armee natürlich schwer, sie zu bekämpfen. Für mich sind Aktionen, die zu Aufruhr führen, kein Mutbeweis. Ich habe noch nie verstanden, warum sich die öffentliche Meinung derart von den kompromisslosen Standpunkten, die diese Leute vertreten, beeinflussen lässt; Standpunkten von Leuten, die gebildet sind und einen gewissen Status erlangt haben, von denen einige in der Vergangenheit sogar Mandate bei Wahlen errungen haben. Die Regierung unternahm einen Schritt zur Versöhnung, indem sie einige dieser Leute frei ließ. Von ihnen hätte ich nun erwart, dass sie diese Geste erwidern und sagen: „Wir haben in der Vergangenheit einen Fehler gemacht. Wir haben uns von unserer Jugend leiten lassen.“ Sie hätten den Weg zur Einheit und zur Rechtschaffenheit einschlagen sollen. Das haben sie aber nicht getan, und dafür sollten sie sich in der Öffentlichkeit entschuldigen.

In den 80er Jahren riefen Sie die Menschen dazu auf, sich in Zentralasien zu engagieren. Daraufhin sind Tausende von Menschen dorthin gegangen, haben Schulen und Geschäfte eröffnet und sich dort niedergelassen. Studenten haben dort einen Abschluss erworben. Sie selbst jedoch sind niemals dort gewesen.

Obwohl dies tatsächlich meiner Logik widersprach, war es auf emotionaler Ebene einerseits sehr wichtig für mich zu sehen, dass Gott die Bemühungen meiner Freunde mit Erfolg krönte, und andererseits, ihre Begeisterung zu teilen. Seit meiner Kindheit habe ich Asien in meine Gebete mit eingeschlossen. Meine Brüder in der Religion dort zu umarmen bereitet mir besondere Freude.

Dann kam der Tag, an dem ich Geschäftsleute und Industrielle aufforderte, dorthin zu gehen. Beizeiten habe ich auch darüber nachgedacht, selbst zu gehen und mich denen, die mir ihr Ohr geliehen hatten, anzuschließen.

Die Sufitradition lehrt uns, keine weltlichen Vergnügungen zu suchen. Meiner eigenen Philosophie zufolge sollte man noch nicht einmal Vergnügungen suchen, die der Anbetung und der Kenntnis Gottes entstammen. Wir sollten Gott all unsere Liebe schenken. Aber wenn es darum geht, ihn um Freuden zu bitten, sage ich persönlich: „Nein. Gott allein genügt mir.“ Andere Erwartungen zu hegen, wäre unangemessen. Ich habe mich oft danach gesehnt, diese Bildungsaktivisten persönlich zu unterstützen; diese Menschen, die Schulen aufbauen, die zum Wohle auch der Türkei mit den örtlichen Behörden zusammenarbeiten und wie Diplomaten agieren, die für all das nicht mehr bekommen als ein sehr bescheidenes Gehalt. Aber Gott hat mir dieses Vergnügen aus dem einen oder anderen Grunde nicht gewährt.

Hat Ihre Vernunft Sie davon abgehalten, dorthin zu gehen?

Zwei Punkte möchte ich in diesem Zusammenhang erwähnen. Erstens ist mein Anteil an diesen Aktivitäten, die einem ganzen Volk gehören, gering. Wäre ich dennoch gegangen, hätte ich befürchten müssen, dass man es so auffasst, dass ich all das, was meine Freunde dort erreicht haben, für mich selbst beanspruche. Es hätte womöglich so ausgesehen, als wären es meine Ideen gewesen, die hinter diesen Entwicklungen stehen.

Abgesehen davon neigen einige Leute dazu, bestimmte Leistungen nur denen zuzurechnen, die in der vordersten Reihe stehen. Diese Neigung kann sogar so weit gehen, dass man von Schirk [der Beigesellung von Partnern zu Gott] sprechen muss. Hätte ich mich nun hinter all diese Aktivitäten gestellt, hätte ich damit Zulum [eine große Anmaßung] begangen. Diese widerspricht jedoch dem Glauben und kommt dem Schirk gleich. Also bat ich Gott darum, mir Seine Gunstbeweise im Jenseits zu gewähren. Ich bin zu dem Entschluss gekommen, es sei besser, nicht zu gehen.

Zweitens hatte ich Angst davor, meinen Freunden dort Scherereien zu bereiten. Einige Leute hätten ihnen vorwerfen können: „Hinter euren Aktivitäten stehen bestimmte Kreise. Sie verfolgen eigene Ziele, die sie nur noch nicht enthüllt haben.“ Ich habe also meine Wünsche in meinem Herzen verschlossen, um keinen Schatten auf die Leistungen meiner Freunde zu werfen.

Vermeiden Sie es, [dort in der Öffentlichkeit] gesehen zu werden?

Ich bin zwar kein bescheidener Mensch, aber selbst unter Menschen, die ich kenne, bin ich schüchtern. Aus diesem Grund hatte ich mich früher einmal eine Zeit lang auch an einen ruhigen Ort in der Moschee von Edirne zurückgezogen. Das liegt in meiner Natur. Es verwirrt mich, wenn andere Menschen einen abschätzenden oder kritischen Blick auf mich werfen. Hätte ich jene Turkstaaten besucht, hätten mich die Leute dort als Initiator der Aktivitäten begrüßt. Dies hielt ich aber für völlig unangebracht und falsch. Einige mögen meine Haltung als eine Art Komplex bezeichnen. Und ich behaupte auch gar nicht, mich von allen Komplexen befreit zu haben. Wie immer man es auch nennen mag, diese Schüchternheit liegt einfach in meiner Natur, und außerdem: Es ist ja auch gar nicht unbedingt notwendig, dass ich dorthin gehe.