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Gülen Gastbeitrag in „Le Monde“

„Wir erleben keinen Kampf der Kulturen, sondern einen zwischen der Zivilisation und der Barbarei“

Der Terrorismus ist ein globales Problem, das die Menschheit im Allgemeinen und die Muslime im Besonderen betrifft. Sie sind nicht nur Opfer – auch ihre Religion wird von Terroristen missbraucht.

Was tun gegen den Terrorismus, was tun für den Frieden? Spätestens seit dem 11. September sehen sich Muslime zunehmend einem Generalverdacht ausgesetzt. Oftmals wird behauptet, dass sie den Terror dulden oder sogar gutheißen. Wie absurd diese Vorstellung ist, sei dahingestellt, doch das Problem besteht weiterhin. Der IS rekrutiert weiter die Jugendlichen, die Staaten tun sich schwer, ihn zu bekämpfen.

Der islamische Gelehrte Fethullah Gülen hat nun in einem Gastbeitrag, der vergangene Woche in der französischen „Le Monde“ erschien und hier in Auszügen wiedergegeben wird, seine Sicht der Dinge dargelegt und Lösungsansätze geboten:

„Es fällt mir schwer, meine Betrübtheit über die Gräueltaten des IS und ähnlicher Terrorgruppen in Worte zu fassen. Dass solche Gruppen bei der Ausübung von Terroranschlägen ihre perversen Ideologien in religiöse Gewänder verhüllen, stürzt mich, wie den überwältigenden Teil der übrigen 1,5 Milliarden Muslime der Welt auch, in tiefe Trauer. Es ist als muslimische Gemeinschaft unsere Aufgabe, die Menschheit vom Übel des Terrorismus zu befreien und ferner zu versuchen, unsere Religion von diesem dreckigen Teer zu säubern.

Man kann durch gewisse Begriffe und Symbole oberflächlich eine bestimmte Identität beanspruchen. Die Aufrichtigkeit aber kann nur daran gemessen werden, wie sehr jene Grundwerte der beanspruchten Identität in der Praxis gelebt werden. Der tatsächliche Glauben (Iman) zeigt sich weder in Slogans noch durch äußere Merkmale, sondern darin, wie sehr man bemüht ist, Menschenleben zu schützen und alle Menschen hochzuachten.

Als Muslime müssen wir die totalitäre Ideologie der Terroristen, die diese verbreiten, ohne Wenn und Aber ablehnen. Im Gegenzug müssen wir eine umarmende Gesinnung fördern, die Vielfalt als Reichtum ansieht. Noch vor unserer ethnischen, nationalen, auch religiösen Identität steht unsere Humanität und den tatsächlichen Schaden von solch barbarischen Aktionen trägt die moralische und spirituelle Persönlichkeit der Menschheit davon. Die französischen Bürger, die in Paris ihr Leben verloren haben, ebenso die schiitisch-muslimischen Libanesen, die einen Tag davor in Beirut starben, sowie die sunnitisch-muslimischen Bürger, die im Irak durch die selben Terroristen getötet wurden, sind in erster Linie Menschen. Solange man den Leidenden – ganz gleich welcher religiösen oder ethnischen Identität sie gehören – nicht mit Empathie begegnet und mit demselben Willen versucht, dieses Leid zu stillen, ist ein Fortschritt der Zivilisation nicht möglich.

Weg von Verschwörungstheorien, hin zu Selbstkritik

Als Muslime müssen wir uns von den Verschwörungstheorien lösen, die uns von unseren eigenen Problemen ablenken und uns selbst einer kritischen Selbstreflexion unterziehen: Sind etwa heimliche Sympathien zur Autokratie, zur körperlicher Gewalt, die Vernachlässigung der Jugend und das Fehlen einer ausgewogenen Bildungsarbeit muslimischer Verbände und Vereine schuld daran, dass unsere Gemeinden und ihre Mitglieder empfänglich geworden sind für das radikale Gedankengut extremistischer Gruppierungen?

Haben wir, weil wir die grundlegenden Menschenrechte, die Freiheit, die Rechtsstaatlichkeit und eine Gesinnung, die jeden umarmt, immer noch nicht wirksam umsetzen konnten, jene, die auf der Suche nach Antworten sind, in eine verzweifelte Lage gebracht und dafür gesorgt, dass sie sich von uns abwenden?

Die Tragödie von Paris erinnert uns erneut daran, dass diese abscheulichen Taten, welche religiös begründet werden, sowohl von unseren religiösen Gelehrten, als auch von normalen Muslimen ohne Wenn und Aber abgelehnt sowie verdammt werden müssen. Aber in der derzeitigen Lage reicht ein Ablehnen und ein Verdammen nicht mehr aus. In den muslimischen Gesellschaften muss gegen die Rekrutierung der Jugendlichen durch die Radikalen anhand eines Bündnisses, in dem sich staatliche Institutionen, religiöse Führer und zivilgesellschaftliche Institutionen zusammenschließen, in kluger Art und Weise vorangegangen werden. Es müssen Projekte entwickelt werden, die alle Faktoren der Rekrutierung von Terroristen berücksichtigen und die gesamte Gemeinschaft miteinbeziehen.

Wir müssen präventive Maßnahmen treffen und die nötige Infrastruktur schaffen, damit wir die gefährdeten Jugendlichen in unseren Reihen frühzeitig herausfiltern und sie vor allem durch die Beratung mit ihren Familien daran hindern, sich in gefährliche Abenteuer zu begeben. Als Bürger müssen wir mit den Staaten, deren Staatsbürger wir sind, kooperieren und uns positiv engagieren, uns an Tische setzen, an denen Pläne zur Terrorismusbekämpfung geschmiedet werden und unsere Meinung einbringen. Hier sind natürlich auch die Staaten gefordert. Wir müssen unseren Jugendlichen beibringen, ihre Meinungen auf demokratischem Wege zu äußern. Die frühzeitige Lehre demokratischer Werte in Schulen ist für die Entwicklung eines gesunden Menschenverstandes der zukünftigen Generationen wichtig.

Mahnende Beispiele aus der Geschichte

In der Geschichte gab es nach vergleichbaren Tragödien extreme Reaktionen. Islamfeindlichkeit und anti-islamische Strömungen, staatliches Handeln, das Muslime nur als Sicherheitsfaktor bewertet kann eher Schaden als Nutzen hervorbringen. Die Muslime in Europa wünschen sich ein Leben in Frieden und Ruhe. Trotz der negativen Stimmung sollten sie sich mehr einbringen und zu einer Politik beitragen, welche die Integration ihrer Glaubensgemeinschaft verbessert.

Als Muslime müssen wir aus diesem Anlass unser Islamverständnis und unsere Praktiken im Lichte der gegenwärtigen Voraussetzungen und der zeitgemäßen Auslegung überdenken und dazu in der Lage sein, Selbstkritik zu üben. Dies bedeutet keinesfalls, sich von der islamischen Tradition abzuwenden. Im Gegenteil: Es bedeutet, dass man mögliche Abweichungen bemerkt und diese korrigiert, somit den Geist und die Essenz des Korans und die Sunnah (Tradition des Propheten) wiederzubeleben.

Wir müssen uns dagegen einsetzen, dass unsere religiösen Quellen aus dem Zusammenhang gerissen und für andere Zwecke instrumentalisiert werden. Die muslimischen Gelehrten, Ideengeber und Intellektuellen müssen den Menschen beibringen, dass man religiösen Quellen in ihrer Gesamtheit begegnen muss. Der Glaube an gewisse Grundsätze ist kein Dogmatismus. Die Meinungsfreiheit, welche den Muslimen einst eine Art Renaissance erleben ließ, wiederzubeleben, ist möglich und auch unentbehrlich – ohne dabei grundlegende religiöse Werte außer Acht lassen zu müssen. Den Radikalismus und Terrorismus, welche die Gewalt befeuern, kann man nur in einem solchen Klima bekämpfen.

Leider beobachte ich, dass nach den aktuellen Ereignissen in einigen Kreisen erneut die These vom Kampf der Kulturen Erwähnung findet. Ob die ersten, die diese These in den Raum warfen, eine fundierte Prognose abliefern wollten, oder einen bestimmten Plan hatten, kann ich nicht beurteilen. Aber eins ist klar: Nämlich dass solch eine Rhetorik lediglich den Terrororganisationen zugute kommt. Jedoch muss ich einwenden: Wir erleben keinen Kampf der Kulturen, sondern einen zwischen der gesamten Menschheit und der Barbarei.“

WSJ

„Muslime müssen das Krebsgeschwür des Extremismus bekämpfen“ – Ein Beitrag von Fethullah Gülen im WSJ

Während die Terror-Miliz, die sich „Islamischer Staat“ nennt und als IS bekannt ist, ihre Blutbäder im mittleren Osten fortsetzt, so haben wir Muslime uns diesen totalitären Ideologien, die diese Blutbäder und andere terroristische Gruppen anspornen, entgegenzustellen. Jeder terroristische Akt, der im Namen des Islams durchgeführt wird, betrifft von Grund auf alle Muslime, denn dadurch werden wir unseren Mitbürgern entfremdet und die Fehleinschätzungen über unser Glaubensethos vertieft.

Es ist unfair, den Islam für die Gräueltaten der gewaltbereiten Radikalen zu tadeln. Doch da diese Terroristen, wenn auch nur nominell, den „muslimischen“ Deckmantel für sich in Anspruch nehmen, so müssen deshalb die Gläubigen dennoch, so gut wie möglich, dieses Krebsgeschwür an der Metastasierung in unserer Gesellschaft hindern. Wenn nicht, sind wir teilweise selbst ein Stück weit verantwortlich für die Beschmutzung des Images unseres Glaubens.

Zu allererst müssen wir die Gewalt verurteilen und dürfen nicht in die Opferrolle fallen. Unterdrückung erfahren zu haben ist keine Entschuldigung dafür, welche auszuüben oder es zu unterlassen, den Terrorismus zu verurteilen. Dass die Terroristen im Namen des Islams schwere Sünden begehen, ist nicht nur meine Meinung. Es ist schlicht die unvermeidliche Schlussfolgerung eines aufrichtigen Lesens der Primärquellen: des Korans und der Berichte aus dem Leben des Propheten Muhammad. Das Kernprinzip dieser Quellen – tradiert über die Jahrhunderte hinweg von muslimischen Gelehrten, die ihr Leben dem Studium des Korans sowie der Prophetenüberlieferung und -praktiken gewidmet haben – macht jegliche Ansprüche der Terroristen auf eine religiösen Begründung zunichte.

Darüber hinaus ist es wichtig, ein holistisches Verständnis des Islams zu fördern, da die Flexibilität, die es erlaubt, unterschiedliche Hintergründe seiner Anhänge miteinander in Einklang zu bringen, manchmal missbraucht werden können. Bei den Grundprinzipien des Islam gibt es aber keine Interpretationsspielräume. Ein solches Prinzip lautet: Das Töten eines einzigen Unschuldigen ist ein Verbrechen gegen die ganze Menschheit. (Koran 5:32) Selbst im Falle eines Verteidigungskrieges ist die Gewalt gegen Unbeteiligte, ganz besonders Frauen, Kinder und Greise, in den Lehren des Propheten Muhammad verboten.

Wir müssen diese Werte aufzeigen, in dem wir Menschen beistehen, die auf der ganzen Welt nach Frieden streben. Angesichts der Psychologie des Menschen und der Dynamik der Nachrichten ist es offensichtlich, dass die Stimme des Mainstreams wahrscheinlich weniger die Schlagzeilen erfassen wird als die der Extremisten. Doch statt die Medien zu tadeln, sollten wir innovative Wege finden und dafür sorgen, dass unsere Stimmen gehört werden.

Drittens müssen die Muslime öffentlich die Menschenrechte – Würde, Leben und Freiheit – unterstützen. Diese sind die grundlegendsten islamischen Werte; kein Individuum, Politiker oder religiöser Führer hat das Recht, (den Menschen) diese zu nehmen. Die Essenz unseres Glaubens ist es, die kulturelle, soziale, religiöse und politische Diversität zu respektieren! Im Koran bestimmt Gott das gegenseitige Lernen als das erste Ziel der Diversität (49/13). Denn der Respekt vor jedem Individuum als Geschöpf Gottes ist der Respekt vor Gott (17/70)

Viertens: Muslime müssen allen Gesellschaftsschichten Bildungsmöglichkeiten anbieten, im Zuge derer das Studium der Naturwissenschaften, Geisteswissenschaften und Kunst in einer Kultur der Achtung gegenüber jedem Lebewesen vermittelt wird. Die Regierungen in den muslimischen Ländern sollten die Schullehrpläne so entwerfen, dass den Schülern demokratische Werte beigebracht werden. Die Zivilgesellschaft hat die Aufgabe, Respekt und Akzeptanz zu unterstützen. Und genau aus diesem Grund haben auch die Anhänger der Hizmet Bewegung über 1000 Schulen und mehr als 150 Bildungs- und Dialogeinrichtungen gegründet.

Fünftens: Die religiöse Erziehung der Muslime verengt den Handlungsraum der Extremisten, die ihre verdrehte Ideologie verbreiten. Wenn die religiöse Freiheit unterdrückt wird – wie es über Jahrzehnte hinweg in der muslimischen Welt der Fall war -, so ist es unumgänglich, dass im Schatten dieser Unterdrückung ein Glaube entsteht, der von unqualifizierten und radikalen Gestalten interpretiert wird.

Zuletzt ist es unerlässlich, dass Muslime die Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann unterstützen. Den Frauen sollten Gelegenheiten gegeben werden und sie sollten von jeglichem sozialem Druck frei sein, damit ihre Qualitäten entdeckt werden. Hierzu haben die Muslime ein großes Beispiel am Leben der Ehefrau des Propheten Muhammad, einer sehr hoch gebildeten Gelehrten, Lehrerin und anerkannten und prominenten Leiterin ihrer Gesellschaft.

Terrorismus ist ein vielschichtiges Problem, und so sind die Adressaten, die Politik, die Wirtschaft, die Gesellschaftsschichten und die Religionen. Ansätze, die dieses Problem bekämpfen, nehmen eine heldenhafte Aufgabe für die Jugendlichen und gesamte Welt wahr. Es ist erwünscht, dass die internationale Gemeinschaft erkennt, dass die Muslime – sowohl buchstäblich als auch metaphorisch – die primären Opfer des Terrorismus sind und deshalb Statements und Aktionen, die zur Entfremdung der Muslime führen, unterlassen werden.  Da, die Muslime genau jene sind, die bei der Marginalisierung der Terroristen und bei der Prävention helfen können.

Gewalttätiger Extremismus hat keine Religion; es wird immer diese Leute geben, die religiöse Texte manipulieren. So wenig Christen die Koranverbrennung oder die Aktionen des KU KLUX Klans und Buddhisten die Gräueltaten gegen die Rohingya Muslime unterstützen, so wenig unterstützt der Mainstream der Muslime diese Gewalttaten.

Muslime haben historisch gesehen zum Aufblühen der menschlichen Zivilisation sehr viel beigetragen. Unser größten Beiträge stammen aus Epochen, in denen der Glauben wechselseitig respektiert und die Freiheit und Gerechtigkeit gepflegt wurden.

Es kann immens schwierig sein, das befleckte Image des Islams wiederherzustellen: Muslime können dennoch Leuchttürme des Friedens und der Ruhe in ihrer Gesellschaft sein!


 

Von Fethullah Gülen, erschienen am Aug. 27, 2015 7:32 p.m. in „THE WALL STREET JOURNAL“ http://www.wsj.com/articles/muslims-must-combat-the-extremist-cancer-1440718377

 

Übersetzung von Samet Er (http://sameter.de/?p=358)