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Prediger, Dichter, Seelenführer

Fethullah Gülen bewegt den türkischen Volksislam – sogar aus dem fernen Amerika

An seiner Person und seinem Wirken scheiden sich die Geister – in der Türkei wie außerhalb. Den einen gilt er als Schöpfer einer moderaten islamischen Volksbewegung, die es geschafft hat, den Islamismus zu überwinden, doch authentisch zu bleiben. Den anderen ist er – gerade wegen seiner Verwurzelung in der Tradition – ein Reaktionär, der unter einem modernistischen Firnis überdies mit seinen wahren Zielen hinter dem Berg halte. Eines freilich muss man Fethullah Gülen zugutehalten: Seine Ideen haben nicht nur in traditionell-islamischen Kreisen Anklang gefunden – etwa in jenem Milieu, aus dem Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan und Staatspräsident Abdullah Gül kommen -, sondern auch in moderneren Schichten der türkischen Bevölkerung, die seinen Ansatz bemerkenswert finden.

„The Gülen Movement“ ist der Titel einer Studie, in der die amerikanische Soziologin Helen Rose Ebaugh Person und Werk Gülens einführend und zusammenfassend darstellt. Sie sieht in der Gülen-Bewegung eine zivilgesellschaftliche Bewegung, die im moderaten Islam verwurzelt sei. Gülen, Jahrgang 1941 oder 1938, hat es in den Jahren zwischen 1960 und etwa 1990 tatsächlich verstanden, der bekannteste Prediger des türkischen Volksislams zu werden. Seine Anhänger zählen heute nach Millionen, und er hat sie auf allen fünf Kontinenten. Es gibt darüber hinaus Gülen-Schulen (auch in Deutschland), eine Bank, Hospitäler, den Sender Samanyolu, die türkische Zeitung „Zaman“ und andere Einrichtungen, die von ihm inspiriert wurden.

Erneuerung der Religion aus den traditionellen Quellen des anatolischen Volksislams, so charakterisiert die Autorin Gülens Denken. Er predigt, kurz gesagt, der Islam müsse sich modernisieren, die Wissenschaft ohne Wenn und Aber akzeptieren, den Dialog mit anderen Religionen und Kulturen suchen, den Terrorismus bekämpfen und darüber hinaus die Volksbildung anheben. Bildung sei der Schlüssel zu einem zeitgenössischen Islam überhaupt. Außerdem wandte sich Gülen schon immer gegen die schwerfällige, etatistische Staatswirtschaft der Türkei.

Wichtigste geistige Bezugsperson Fethullah Gülens ist der kurdische Schriftgelehrte Bediüzzaman Said-i Nursi (1876-1960), der in seinem umfangreichen Werk „Risale-i Nur“ („Sendschreiben des Lichts“) drei Dinge forderte: Bildung, eine vor allem ethisch geprägte Auslegung der Scharia und eine – viele kritische Fragen aufwerfende – „Integration“ der modernen Naturwissenschaft in den Islam. Auf Said-i Nursi bezieht sich die Erweckungsbewegung Nurculuk, die zu den einflussreichsten religiösen Strömungen der Türkei gehört. Schon Kemal Atatürk hatte in den zwanziger Jahren versucht, den damals populären Said-i Nursi für sein Vorhaben zu gewinnen, doch dieser verweigerte sich dem Staatsgründer, weil ihm die Reformen Atatürks zu radikal und zu weltlich waren. Nursi verbrachte viele Jahre im innertürkischen Exil und im Arrest.

Sein „Schüler“ Gülen strebt nach einem speziell türkischen Islam. Der soll sich vom schiitischen Islam der Iraner ebenso unterscheiden wie vom sunnitischen Scharia-Islam der Araber. Er greift dabei auf die auch mit Mystik durchsetzten Traditionen des bruderschaftlichen anatolischen Volksislams zurück, die – etwa als Ahi-Bünde – schon in frühosmanischer Zeit eng mit den Handwerkergilden (den Futuwwa-Bünden) verbunden waren und gewisse Tugenden alltäglicher Frömmigkeit institutionalisierten. Man nannte das Fütüvvet: Milde, Nachbarschaftlichkeit, Großherzigkeit (bereket), Erbarmen mit den Armen, Freigebigkeit, soziales Denken.

Nach der weltpolitischen Wende sah Ankara es durchaus gern, dass die Gülen-Bewegung unter den unabhängig gewordenen türkisch-muslimischen Brüdern des Kaukasus oder Mittelasiens missionierte und dort Bildungsarbeit leistete. Gülen, der auch ein Poet ist, trug seine Gedichte im Wettstreit mit dem ebenfalls dichtenden sozialdemokratischen und laizistischen Ministerpräsidenten Bülent Ecevit (1925-2006) vor. Doch er verließ die Türkei vorerst in Richtung Amerika, weil aufgrund einer seiner Predigten doch erhebliche Zweifel an seiner Achtung vor dem weltlichen Staat und der Demokratie aufgekommen waren. Seine Anhänger sprachen von einer Fälschung. In Amerika lebt er bis heute, doch sein Einfluss ist ungebrochen.

Auch die Bedenken, die viele gegenüber Gülen hegen, werden am Ende unter der Überschrift „Kritische Stimmen“ erwähnt. Leider zu wenig ausführlich und zu unbestimmt. Dass er ein „Agent der Amerikaner“ sei, ist gewiss verschwörungstheoretischer Unsinn. Doch kritisieren manche den Mangel an Transparenz, was die Finanzierung seiner Institutionen angehe. Wie in vielen religiösen Erweckungsbewegungen leben auch die Fethullahçilar von einer autoritativen Struktur, von personellen Abhängigkeiten („Netzwerken“) und von einer charismatischen Seelenführerschaft, die heutzutage nicht mehr jedermanns Sache ist. Gülen habe auch nichts gegen die traditionelle Unterordnung der Frau, sagen seine Kritiker, und er werde überhaupt erst die Katze aus dem Sack lassen, wenn eine islamische Ordnung in der Türkei wiedererrichtet worden sei. Doch ein interessantes religionsgeschichtliches und gesellschaftliches Phänomen ist die Gülen-Bewegung allemal.

WOLFGANG GÜNTER LERCH

Helen Rose Ebaugh: The Gülen Movement. A Sociological Analysis of a Civic Movement Rooted in Moderate Islam. Springer Science and Business Media, Dordrecht/Heidelberg/London/ New York 2010. 134 S., 32,05 [Euro].

Quelle:http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/2.1715/prediger-dichter-seelenfuehrer-11029936.html